Die Schlagzeile klingt spektakulär: Ein US-Startup will den Traum der Alchemisten wahr machen und mittels Kernfusion Quecksilber in Gold verwandeln!
Bereits wird über eine Flutung des Marktes mit künstlichem Gold und einer drohenden Wertlosigkeit des bisher als Währungsreserve beliebten Metalls spekuliert.
Doch hält diese Vision vom billigen Gold einer sachlichen Analyse stand?
Gold aus dem Reaktor – theoretisch möglich
Es ist physikalisch korrekt: Gold lässt sich durch sogenannte Kerntransmutation herstellen. Ein Prozess, der in der Natur bei Supernovae (Implosion massereicher Sterne) oder der Fusion von Neutronensternen bei ca. 100 Millionen Grad stattfindet. Im Labor ist dies bereits in Teilchenbeschleunigern gelungen, allerdings in winzigen Mengen und zu exorbitanten Kosten. Das Start-up Marathon Fusion stellt eine neue Methode zur Herstellung von Gold vor. Künftig soll mit Hilfe von Fusionsreaktoren aus dem Quecksilber-Isotop Hg-198 das stabile Gold Au-197 erzeugt werden können. Laut einer Computersimulation, auf die sich das Unternehmen beruft, seien damit zwei bis fünf Tonnen Gold pro Gigawatt Reaktorleistung jährlich erzeugbar.
Die Hürden liegen im Detail
Das eigentliche Problem ist nicht einmal, dass wirtschaftlich nutzbare Fusionsreaktoren bislang noch gar nicht existieren – und selbst bei optimistischen Prognosen frühestens in den 2030er Jahren zur Verfügung stehen könnten. Auch die Tatsache, dass das künstlich erzeugte Gold zunächst radioaktiv belastet wäre und rund 18 Jahre abklingen müsste, bevor es gefahrlos gehandelt werden dürfte, erscheint langfristig noch überwindbar. Ausschlaggebend für die mangelnde Realisierbarkeit ist jedoch der Einsatzstoff selbst: Das benötigte Quecksilber-Isotop Hg-198 ist extrem selten, schwer zu beschaffen und so kostspielig, dass jede Wirtschaftlichkeitsrechnung ad absurdum führt.
Um 1 kg künstliches Gold herzustellen, wird fast die gleiche Menge an gereinigtem Quecksilber-Isotop Hg-198 benötigt. In der Natur ist es nur zu ca. 10 % in natürlichem Quecksilber vorhanden und muss aufwändig über Isotopenanreicherungsverfahren gewonnen werden. Aktuell kostet Quecksilber-198 in gereinigter Form etwa 15.000 US-Dollar pro Milligramm!
Das bedeutet: Um 1kg künstliches Gold mit einem aktuellen Marktwert von ca. 100.000 US-Dollar zu produzieren, wird Quecksilber-198 im Gegenwert von ca. 15 Milliarden US-Dollar benötigt!
Marathon Fusion rechnet in seiner Veröffentlichung der Methode mit den normalen Kosten für Quecksilber und argumentiert, dass bei industrieller Massenproduktion von Gold und steigender Nachfrage auch die Kosten für Hg-198 fallen müssten. Derzeit findet Handel mit Hg-198 nahezu ausschließlich für physikalische oder medizinische Spezialanwendungen statt. Größere Mengen sind kaum beschaffbar – die verfügbaren Chargen bewegen sich im Bereich von Milligramm bis Gramm.
Unser Fazit
Die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen das Konzept von Marathon Fusion basiert, sind grundsätzlich korrekt, auch wenn es sich um Computersimulationen eines nicht existierenden Reaktors handelt. Eine technische Umsetzung wäre frühestens im kommenden Jahrzehnt möglich und künstlich produziertes Gold müsste zusätzlich rund 18 Jahre auf den Marktverkauf warten. Noch gravierender sind jedoch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Die Kosten für das Ausgangsmaterial übersteigen den aktuellen Marktwert von Gold um den Faktor 1.500 – eine rentable Produktion ist damit ausgeschlossen. Gold bleibt somit auf absehbare Zeit ein rares Gut, ein verlässlicher Wertspeicher und eine zukunftssichere Anlage.